Endstation

Und? Was tut man da? Aussteigen.
Prima. Aussteigen. Wenn man kann.
Ich weiß noch, wie ich vor vielen Jahren in San Francisco in einem Bus saß und von der Golden Gate irgendwo gen Stadtmitte fuhr, keine Station im Kopf, an der ich aussteigen wollte. Wundervolles Sightseeing, die ganze Strecke entlang, Berg hoch, Berg runter. Viele Stopps, viele Menschen, viele Geräusche, viele Farben, viele Gerüche. Und irgendwann war der Bus leer, ich, ich saß immer noch ganz hinten. Die Straße draußen sah alles andere als nach Stadtmitte aus, nicht nach bummeln und Geld ausgeben können sondern nach Geld raus geben müssen, weil sonst bum-bum.
Die Busfahrerin kam nach hinten zu mir, denn ich blieb einfach sitzen. Sie erklärte mir etwas von Endstation, und dass ich aussteigen müsste. Ich erklärte ihr, dass ich eine dusselige Touristin bin, die sich beim Fußmarsch von Irgendwo Stadtmitte über Chinatown und Pier 39 bis raus zur Golden Gate einen üblen Sonnenbrand geholt hatte (krebsrot und schmerzend tagelang vor allem meine Kopfhaut, seither liebe ich Hüte und Mützen), und jetzt nur noch ein bißchen Geld ausgeben wollte, bei Nordstrom vielleicht.
Sie lachte und fuhr mich tatsächlich zurück, ziemlich genau bei jenem Kaufhaus setze sie mich ab, nicht ohne mir vorher noch einzubläuen, dass das nicht jeder Busfahrer macht und sie mich hätte einfach rauswerfen können, an der Endstation.

Manchmal fühlt sich mein Leben so an wie diese Fahrt in diesem Bus, Berg hoch, Berg runter, viele Stopps, viele Menschen, viele Geräusche, viele Farben, viele Gerüche. Und dann immer wieder diese fürchterliche Endstation, an der ich nicht raus will, nicht raus kann. Aus anderen Gründen freilich, wenngleich ich auch fast um mein Leben fürchte, so sehr brennt mir an dieser Endstation mein Herz, mein Hirn. Endstation, weil Menschen mich nicht an sich ran lassen, nicht ranlassen wollen, nicht ranlassen können. Können, wollen, das spielt keine Rolle, meist bedingt das eine das andere und umgekehrt.
Ich spüre es, ich sehe es, ich höre es, und ich sollte einfach aussteigen. Mich durchkämpfen. Und irgendwo in einen anderen Bus steigen, Busse gibt es wie Sand am Meer, jeder fährt irgendwo hin. Und irgendwo wird es schon ein Plätzchen geben, das mir gefällt.
Und so sitze ich in diesem seltsamen Bus, der mich von Endstation zu Endstation fährt, manchmal glaube ich, da sitzt schon lange keiner mehr am Steuer, der mich rauswerfen könnte, die Karre fährt von alleine, so lange, bis ich kapiere, dass die Menschen halt so sind, unfähig, andere Menschen an sich heran zu lassen, bis ich kapiere, dass mein Wunsch danach nur der irre Gedanke von einem kleinen durchgeknallten Mädchen ist, das in einer Traumwelt lebt und einfach nicht erwachsen werden will. Respektive kann.
Das Verrückte an dieser Geschichte ist, dass das kleine Mädchen das Leben so sehr liebt, so viel Freude an Berg hoch, Berg runter, vielen Stopps, vielen Menschen, vielen Geräuschen, vielen Farben, vielen Gerüchen hat, dass es die Schmerzen an der Endstation jedes mal verkraftet. Wieder und wieder. Und weiter fährt.
saintphalle - 11. September, 22:18

Das ist ein wundervoller Text, der mir sehr aus der Seele spricht. Auch ich träume oft davon, dass sich mir Menschen öffnen, meine Nähe zulassen, mich gar lieben, so wie ich sie liebe. Und dann tun sie es doch nicht. Weil sie nicht können. Weil sie nicht wollen. Weil sie in den falschen Bus gestiegen sind und es nicht hinkriegen, wieder auszusteigen - obwohl sie genau wissen, dass sie in die falsche Richtung fahren. Und ich fahre ihnen hinterher, Berg rauf und Berg runter, und hoffe, dass wir irgendwann wieder an der Haltestelle ankommen, an der wir mal gemeinsam losgefahren sind, um doch noch zueinander zu finden. Aber am Ende lande ich immer nur an der Endstation. Alleine. Und mit immer größeren Schmerzen, die ich immer weniger ertragen kann. Aber so ist das Leben wohl. Ein stetes Auf und Ab und eine Aneinanderreihung verpasster Gelegenheiten. Was bleibt, sind die Träume und Sehnsüchte, die Hoffnungen auf eine Busfahrt, auf der es keine Endstationen mehr gibt.

blogistin - 25. September, 14:16

danke.
pancomedia - 19. September, 23:09

Nächster Stop

Ihre Geschichte macht Lust, eine Station mit Ihnen zu fahren, Frau Blogistin.

blogistin - 25. September, 14:18

steigen sie ein, frau pancomedia!
saintphalle - 26. September, 00:34

So sehr habe ich mich mit meinen Gedanken ja gar nicht von Ihren unterschieden. Vertrauen und Liebe hängen in der Tat ganz eng zusammen. Man kann einen Menschen (und überhaupt das ganze Leben) nur lieben, wenn man ihm vertraut. Und vertrauen kann man nur, wenn man sich selber liebt.

Ich habe viel Liebe erfahren in meinem Leben. Und auch viel Vertrauen, das andere Leute mir entgegen gebracht haben. Und obwohl mein Vertrauen mehrfach aufs Übelste missbraucht wurde und meine Liebe immer wieder unerfüllt blieb, gebe ich die Hoffnung nicht auf, vertraue ich weiter und liebe ich weiter. Ich wüsste nicht, wie ich sonst noch leben sollte. Und ich kann Ihren Zorn über die ewig Misstrauischen, die ihr mangelndes Vertrauen und ihre Angst durch Aggression kompensieren, sehr gut nachvollziehen. Auch ich kenne solche Leute und finde sie unerträglich.

Kula - 28. September, 21:37

ich fahre gerne mal 1 Tag mit, ist mal was anderes als Riesenrad-fahren, da geht es auch immer auf und ab :-)

Trackback URL:
http://blogistin.twoday.net/stories/4249651/modTrackback

blogistin

Fantasie, Fiktion, Fraktales

Ich will ...

 

War was?

danke.
danke.
blogistin - 28. März, 18:25
Sekundenglueck 1:56
Nichts ist mehr wichtig. Und alles kann warten. (Danke...
blogistin - 14. März, 13:20
Danke, Dok!
Ich mag Authentizität, auch wenn ich das Adjektiv...
blogistin - 18. Oktober, 10:55
... gibt's so einen auch...
... gibt's so einen auch von montblanc?
timanfaya - 28. Februar, 15:27
Schöner Schimpfen...
Lieblingsschimpfwort Februar Lückenfüller
blogistin - 27. Februar, 14:43
((o:
((o:
timanfaya - 23. Januar, 15:44
Schöner Schimpfen...
Lieblingsschimpfwort Januar Kipplüfter
blogistin - 23. Januar, 11:09
ja. wie herr largo und...
ja. wie herr largo und herr posth (beides kinderärzte,...
blogistin - 19. Januar, 14:54
Pfff- mein Reden, seit...
Pfff- mein Reden, seit Jahren, achwas: Jahrzehnten!...
Budenzauberin - 11. Januar, 09:46
Jesper Juul ist einer...
Jesper Juul ist einer der Guten.
pikas - 11. Januar, 07:28

Huch!

Du bist nicht angemeldet.

Raum & Zeit

Online seit 4792 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 28. März, 19:33

Blogistin dankt

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma


Creative Commons License

xml version of this page

twoday.net AGB

Rückspiegel

September 2007
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 
 
 
 1 
 2 
 3 
 4 
 5 
 7 
 8 
 9 
10
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
29
30
 

Blaupause
Der rote Bereich
Es gruesst: Das Murmeltier
Glücksklick
Links
Nullnummer
Rechts
Schöner schimpfen
Sekundenglueck
Stehsatz
take five
Wortglitzereien
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren