Stehsatz

Gut gemeint

Auch originell: Stark nach Herrenparfum riechendes Lego Duplo (gebraucht bei e*ay ersteigert).

Thymian

oder die Macht der Gewohnheit

Sie rieb ein paar Blättchen Thymian zwischen ihren Fingern. Nicht um den Duft, der sich an ihrer Haut festgesetzt hatte, einzuatmen. Nicht um die Konsistenz der Blättchen zu spüren.
Gewohnheit. Aus Gewohnheit rieb sie die Blättchen zwischen ihren Fingern. Sie sah nicht hin, sah nicht was sie tat. Blättchen für Blättchen zupfte sie von den Zweigen, sammelte sie in einer kleinen Schüssel.
Gewohnheit. Es war nicht das Wort, das in ihrem Kopf umherspukte. Sie kannte das Wort, kannte seine Bedeutung, in allen Facetten.
Ihre Eigenart war, jedes Wort zu analysieren, es von allen Seiten zu betrachten. Sich über die möglichen Bedeutungen klar zu werden. Darüber, was man einem Wort landläufig beimaß. Und darüber, was man mit einem Wort anstellen könnte, wenn man es für gute oder weniger gute Zwecke ge- und missbrauchen wollte. Und darüber, was es schließlich für sie bedeutet.
Gewohnheit mochte sie nicht. Sie hatte sie als gemeines, hinterhältiges Gefühl kennen gelernt, das sich anschleicht. Anschleicht, leise, von hinten. Dann, wenn man gerade noch andere Worte und andere Gefühle im Kopf und im Körper hatte. Zufriedenheit. Glück. Plötzlich: Gewohnheit.
Gewohnheit macht, dass Glück schwindet. Gewohnheit macht, dass Zufriedenheit Gleichgültigkeit weicht.
Gewehrt hatte sie sich bislang erfolgreich. Gegen die Gewohnheit aus dem Hinterhalt. Und gegen die, die da ganz nonchalant den Frontalangriff wagte und sich einfach so unter dem Deckmäntelchen Alltag oder Vereinfachung in ihr Leben eingeschlichen hatte.
Alltag mochte sie. Als Wort, als Gefühl. Alltag ist Leben. Leben ist schön. Und das schönste war für sie …

(5.April 2005, 20.10 Uhr)

Eines Tages, irgendwann


Und während die Tränen in meinen Tee tropfen, während das farblose Augenwasser, dem in kitschigen Billig-Romanen der Geschmack von kostbarem Salz angedichtet wird, Geschmack, den ich vielleicht nicht mehr wahrnehme, weil meine Geschmacksnerven im zähen Einheitsbrei meiner Gefühle untergegangen sind, die braunrote Brühe des bitteren Tees verdünnt, Tropfen um Tropfen, der Takt immer schneller, während die Tränen rinnen und laufen und unangenehm brennende Spuren auf der Haut meiner Wangen und meines Kinns hinterlassen, während draußen die Autos im immer gleichen Rauschen der regennassen Straße an meinem Fenster vorbeirasen, viel zu schnell, viel zu laut, viel zu viele, während ich zu meinem CD-Spieler schaue und an Musik denke, einen Moment meine Sammlung gedanklich durchgehe und ihn sogleich wieder verwerfe, diesen Gedanken, ihn verachte, Musik, wie soll Musik etwas bewegen, mich bewegen, mich, während ich denke und nicht denke, fühle und nicht fühle, weine und nicht weine, trinke und nicht trinke, während ich versuche, einen Anfang zu finden für das, was ich tun muss, indem ich etwas tue, von dessen Sinnlosigkeit ich überzeugt bin, die einzige Überzeugung, die ich vielleicht noch habe, jetzt, in diesem Moment, während mir die Karten fürs Brad Mehldau-Konzert einfallen, die in meinem kleinen Glücks-Kästchen liegen, dort, zwischen anderen Konzertkarten und kleinen Erinnerungen, die Karten, die ich am liebsten verschenken möchte, verschenken an einen Menschen, der Freude empfinden kann, der das Gefühl der Lust kennt, Lust, etwas zu tun, etwas zu erleben, so wie ich einst Lust auf Leben und Alltag und all die kleinen und größeren und großen Dinge und auf einfach sein und einfach sein hatte, während ich für einen Sekundenbruchteil spüre, wie es wieder pocht, mein Herz pocht, weil vielleicht noch ein Funke des Glaubens an das bodenständige, pragmatische „Wird schon wieder!“, existiert, irgendwo, ein klitzekleiner Funke nur, während ich lächeln muss zwischen Tränen und dumpfer Unlust, während ich, die ich gestern keine Zukunft sah, Zukunft als etwas, das es zu gestalten gilt, als etwas, das geschieht, etwas auf das ich mich freue, etwas, das bewegt und bewegt wird, während mich da an der Stelle der Zukunft ein großes, graues, undefiniertes Nichts aus Lustlosigkeit und Desinteresse wie ein Ungeheuer mit hängenden Mundwinkeln anglotzt, sehe ich für einen Augenblick wieder Zukunft, mich, Koffer packend und die Reise in ein neues Leben antretend, lachend, lachend, so vieles ist mir schon gelungen, wenngleich mir hier, jetzt, heute noch nichts gelungen ist, ich in dieser meiner Gegenwart, dieser meiner neuen Heimat längst nicht angekommen bin, mich selbst zurückwerfe und zurückgeworfen werde, und während das Ungeheuer mit den hängenden Mundwinkeln schon wieder glotzt und den Augenblick in die Enge treibt, ihn auffrisst, während ich auf meinen Monitor starre und Sätze bilde, immer mehr Sätze, endlos, nicht aufhöre, schreibe, schreibe, das Schreiben wird den Tränenfluss stoppen, bitte, bitte, während ich starre und denke und schreibe, da fällt mir ein Märchen ein:

Es war einmal ein glückliches Mädchen


Vielleicht ist dieses Märchen der Beginn vom Ende, der Beginn vom Ende des Glaubens ans Glück, des Glaubens an das Glück, das in allem steckt, in vielen kleinen Dingen, im ersten Marienkäfer an einem sonnigen Februartag, im Alltag, in den Dingen, die das tägliche Leben ausmachen, in Musik, in der Liebe.
Vielleicht ist es aber auch nur ein Märchen von einem Mädchen, das irgendwann der Mut verlassen hat und die Kraft und der Glaube an die Kraft und die Liebe und der Glaube an die Liebe und das Vertrauen und der Glaube an das Vertrauen.
Vielleicht ist es aber auch ein Märchen von einem Mädchen, das ihr Glück verlor und ihr Lachen und ihre Freude und alles wieder geschenkt bekommt, eines Tages, irgendwann, ihr Glück, ihr Lachen und ihre Freude. Eines Tages, irgendwann.


Die unersättliche Gier der Augen

Das kleine Mädchen, das jeden Morgen auf dem gerade mal drei Quadratmeter großen Balkon steht, die winzigen Hände hat sie auf die gemauerte Brüstung gelegt, ihre Nase ruht auf der linken Hand. Sie kann kaum über die Brüstung schauen. Was unten ist, sieht sie nicht. Wir sind fast auf Augenhöhe. Sie im dritten Stock, ich ebenfalls. Sie schaut mich an. Ich lächle. Ob sie lächelt, kann ich nicht sehen. Eine Weile lang schauen wir uns an. Sie hebt den Blick. Dann wendet sie sich ab und läuft schnurstracks nach drinnen, ruft „Maaaaamaaaaa …“. Mehr höre ich nicht.

Der junge Mann mit den kräftigen, schön behaarten Armen, sitzt in seiner Küche. Zweiter Stock. Ich kann auf seinen Tisch sehen, kann sehen, dass er morgens nichts isst. Viel Kaffee, noch mehr Zigaretten. Ein paar Seiten Tageszeitung scheinen sein einziger Luxus zu sein. Die Türe seines Balkons ist weit geöffnet. Er greift nach seiner Tasse, den Blick nach draußen gewandt, führt sie an die Lippen, trinkt, stellt die Tasse ab, blättert die Zeitung um, senkt den Blick aufs Papier. Keine Minute später schaut er erschrocken auf die Uhr, steht hastig auf, schließt die Balkontüre mit einem lauten Knall. Ich werde ihn erst am Abend wieder sehen.

Die alte Dame beginnt ihr Morgenritual: Sie öffnet die Balkontüre, tritt hinaus und schaut gen Himmel. Dann widmet sie sich unendliche zehn Minuten lang ihren Balkonpflanzen. Zupft welke Blätter, füllt mit der bloßen Hand Erde auf, drückt sie fest, gießt, tropfenweise nur, so, dass auch am nächsten Morgen das Verlangen der Pflanzen nach Wasser gewährleistet ist. Jetzt holt sie ihren Staubsauger, groß, gelb, laut. Sie saugt jeden Winkel ihres Balkons, die wenigen Zentimeter zwischen den Blumentöpfen auf dem Brett an der Wand, den Boden, die Balkonmöbel. Langsam, gründlich. Jeden Morgen. Wenn sie fertig ist, lässt sie ihren Blick über den Hof schweifen. Sie sieht mich. Jeden Morgen. Sie nickt. Ich nicke. Sie geht nach drinnen. Im Lichtschein ihrer Küchenlampe sitzt sie am Tisch, liest, blättert in Zeitschriften. Den ganzen Tag.

Die Frau, deren Alter so schwer zu schätzen ist, jung wirken ihre Bewegungen, ihr Körper, ebenmäßig, schlank und nur mehr eine Silhouette aus der Distanz, ist selten in der Nähe der Fenster zu sehen. Hat sie schon einmal ihren Balkon betreten? Leer ist er. Keine Pflanzen, keine Möbel. Nur ein Kasten Bier steht dort. Heute kann ich einen Blick auf sie erhaschen, wie sie, ihr Haar bürstend, das Telefon zwischen Schulter und Ohr eingeklemmt, zwischen Küche und Bad hin- und herläuft. Ich sehe ihren fast regungslosen dunklen Umrisse hinter der Milchglasscheibe ihres Bades. Einen Moment später schon legt sie die Bürste auf der Arbeitsplatte ihrer Küche ab, um etwas zu trinken. Das Telefon legt sie nicht ab. Irgendwann ist sie weg.

Ich mag sie. Alle.

Und ich kann mich nicht satt sehen. Schaue immer wieder in den Hinterhof, durch die Fenster der Wohnungen gegenüber. Beobachte. Male Gedankenbilder über das Leben meiner Hofnachbarn. Erliege den Wonnen des Voyeurismus.

blogistin

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Ich will ...

 

War was?

Sekundenglueck 1:56
Nichts ist mehr wichtig. Und alles kann warten. (Danke...
blogistin - 14. März, 13:20
Sekundenglueck 1:55
blogistin - 12. Februar, 13:13
Danke, Dok!
Ich mag Authentizität, auch wenn ich das Adjektiv...
blogistin - 18. Oktober, 10:55
Wirklich cool! :) Bloggst...
Wirklich cool! :) Bloggst Du gar nicht mehr?
Chikatze - 6. Oktober, 21:18
Dann denken Sie wegen...
Dann denken Sie wegen zuviel Input daran, das Allerwichtigste...
Budenzauberin - 15. Mai, 09:30
Uaaaaaaaaah, ich glaube,...
Uaaaaaaaaah, ich glaube, ich wollte das doch nicht...
Budenzauberin - 15. Mai, 09:29
der Kleine Mann ist live...
der Kleine Mann ist live sogar noch schöner, weil...
FrauLotta - 15. Mai, 08:00
Sekundenglueck 1:54
(Zum ersten Mal seit Jahren in meinem Büro getanzt,...
blogistin - 14. Mai, 11:09
Sekundenglueck 1:53
Extrem stimmiges Komplettpaket. Und dann auch noch...
blogistin - 14. Mai, 11:05
Oh ja. Jetzt muss ich...
Oh ja. Jetzt muss ich nur den großen Kerl davon...
blogistin - 14. Mai, 10:57

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Zuletzt aktualisiert: 14. März, 13:20

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